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Die Josefsgeschichte beschreibt die gelungene Integration in ein Gastland ...

 



Die Josefsgeschichte beschreibt die gelungene Integration in ein Gastland

 

Wir kennen alle die Geschichte von Chanukka: Die Griechen wollten die jüdische Religion und Kultur vernichten, um die Juden – wie alle anderen Völker des Reichs – vollständig zu hellenisieren. Sie unterdrückten brutal die Ausübung des Judentums, doch diese Politik war nicht erfolgreich, sondern verursachte einen Aufstand gegen die Griechen (der erste Kampf um Religionsfreiheit in der Geschichte der Menschheit!), der am Ende siegreich war. Das jüdische Volk eroberte Jerusalem zurück, der Tempel wurde neu eingeweiht, und das Lichterwunder geschah.

 

Was nicht alle wissen: Die Makkabäer kämpften nicht nur gegen die Griechen, sondern auch gegen hellenisierte Juden. Und sie waren dabei nicht zimperlich, wie wir im ersten Makkabäerbuch lesen: »Da trat vor aller Augen ein Jude vor und wollte auf dem (heidnischen) Altar von Modiïn opfern, wie es der (griechische) König angeordnet hatte. Als Mattitjahu das sah, packte ihn leidenschaftlicher Eifer; er bebte vor Erregung und ließ seinem gerechten Zorn freien Lauf: Er sprang vor und erstach den Abtrünnigen über dem Altar« (2, 23–24).

 

 

MIKEZ

 

Man könnte daraus den Schluss ziehen, dass unsere Tradition die Integration in andere Gesellschaften oder Kulturen ablehnt. Doch gerade der Wochenabschnitt Mikez, den wir an Schabbat Chanukka lesen, beschreibt das Beispiel einer gelungenen Integration in ein Gastland: Josef in Ägypten. Die 14 Verse der dritten Alija zur Tora (gemäß der traditionellen Toralesung) erzählen von Josefs Aufstieg in eine hohe Position in der ägyptischen Administration, wie er die Sprache und Kultur des Landes annimmt und von der Hochzeit mit einer Ägypterin. Aber auch davon, wie er seine jüdische Identität und Religion bewahrt und seine beiden Söhne gemäß unserer Tradition erzieht.

 

Genau darin liegt der Unterschied zwischen Josef und den hellenisierten Juden zur Zeit der Makkabäer: Während sich Josef integriert, also seine jüdische Identität neben der ägyptischen beibehält, hatten sich die hellenistischen Juden völlig assimiliert. Das heißt, sie hatten die jüdische Identität und Religion – und damit letztlich sich selbst – komplett für die griechische Kultur aufgegeben.

 

Dabei gibt es doch eigentlich gar keinen Widerspruch zwischen der griechischen oder anderen lokalen Kulturen in den Ländern der Diaspora, in denen wir leben, und der jüdischen Religion und Kultur. Ganz im Gegenteil: Wir Juden können die Gesellschaften, in denen wir leben, mit unserem Wissen, unserer Erfahrung und unserem kulturellen Erbe bereichern. Die Geschichte hat gezeigt, dass tolerante und offene Gesellschaften, die Juden aufnahmen, von ihnen profitierten, aufblühten und sich weiterentwickelten.

 

So war es bei Josef, der sein Wissen und sein Talent dafür nutzte, um Ägypten voranzubringen. Er schützte sein Gastland mit einem ausgefeilten System der Nahrungsmittellagerung vor einer Hungerkatastrophe. Genauso nutzten Juden überall auf der Welt und zu jeder Zeit in der Geschichte ihr Know‐how und ihre Fähigkeiten nicht nur für sich selbst, sondern vor allem für das Wohl der Länder, in denen sie lebten. Die jüdische Tradition lehrt uns mit dem Prinzip Dina‐de‐Malchuta‐Dina (»das Gesetz des Landes ist Gesetz«), dass wir die lokalen Gesetze und Bräuche zu achten haben.

 

 

MENSCHENRECHT

 

Die Makkabäer waren der griechischen Kultur übrigens keineswegs abgeneigt. Auch sie haben sich in das griechische Imperium integriert und die vielen Vorteile dieser Kultur erkannt. Das Verbot der jüdischen Religion allerdings ging auch ihnen zu weit. Sie kämpften also mehr für die jüdische Tradition, für ein Menschenrecht, als gegen die griechische Kultur, die ihnen am Herzen lag. Genauso wie die Juden nach ihnen. Denn die griechische Kultur wurde auch nach dem Makkabäeraufstand nicht aus der jüdischen Lebensrealität verbannt. Der Talmud (Baba Kama 83a) ist voll des Lobes für die griechische Sprache und die griechische Weisheit. Kritische Äußerungen, wie am Ende des Traktats Sota, wurden von späteren Kommentatoren wie Maimonides einfach redigiert.

 

Unsere westliche Zivilisation fußt neben der jüdisch‐christlichen Ethik und Moral, basierend auf unserer jüdischen Bibel, auf der griechisch‐römischen Kultur mit ihrer Philosophie, Mathematik, ihren Naturwissenschaften und ihrer Kunst – einer Synthese, wie sie schon in der Tora angedeutet zu sein scheint: Vor Kurzem haben wir in einem Wochenabschnitt von Noachs Nachkommen gelesen.

 

Einer seiner Enkel ist Jawan, der Stammvater des griechischen Volkes. Dessen Vater Jafet ist respektierter und geliebter Sohn Noachs. Dieser sprach über ihn (und seinen Bruder Schem): »Der Ewige soll Jafet größer machen und verschönern, und er (Jafet – er steht hier für den Ruhm der griechischen Kultur) soll verweilen in den Zelten von Schem (symbolisch für das jüdische Volk).«

 

 

GEFAHR

 

Viele große jüdische Philosophen, Mathematiker, Ärzte und Poeten des Mittelalters schöpften Wissen aus den griechischen Quellen – seien es Maimonides, Ralbag oder andere. Die griechischen Texte waren auch ein verbindendes Glied zwischen Juden, Muslimen und Christen dieser Zeit. Natürlich barg (und birgt!) das die Gefahr der zu großen Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft. Aber trotz aller Gefahren ist das jüdische Ideal eben doch, die »Schönheit Jafets in die Zelte Schems« aufzunehmen. Zu unserem Wohl und dem Wohl der anderen Völker. Ganz nach dem Motto im Talmud (Megilla 16a): »Derjenige, der Worte der Weisheit spricht, sogar die von Nichtjuden, wird ein weiser Mann genannt.« Und Maimonides fügte hinzu: »Die Wahrheit ist die Wahrheit, gleichgültig, was ihre Quelle ist.«

 

Die Botschaft von Chanukka ist also nicht, dass wir uns total isolieren und separieren sollen. Ganz im Gegenteil: Wir können und sollen uns integrieren in die Gesellschaften, in denen wir leben. Wir sollen auch von Nichtjuden und deren Philosophie und Kultur lernen. Wir können beides sein: stolze Juden, die ihre Religion und Tradition achten, und loyale Bürger der Länder, in denen wir leben. Wir können deren Kultur, Sprache und Gepflogenheiten annehmen, ohne unsere jüdische Identität aufgeben zu müssen.

 

 

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Darmstadt und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).





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