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Entschuldigen Sie, wie bitte ich um Entschuldigung    

Entschuldigen Sie, wie bitte ich um Entschuldigung



"Entschuldigung!" ist eine automatische Antwort geworden, sei es ein Anrempeln oder ein lautes Niesen. Aber im Monat Elul oder zu Rosh HaShana kommt die Entschuldigung ganz groß raus!

 



Wann haben wir uns das letzte Mal wirklich entschuldigt? Im Kindergarten vielleicht oder in der Grundschule? Ah, nein, gestern Abend, als wir den Nachbarn auf der Bank an der Bushaltestelle gefragt haben, wie spät es ist. Da haben wir zuerst ganz höflich gesagt, "Entschuldigen Sie?" Dieses "Entschuldigung?" ist eine automatische Antwort auf das Eindringen in die Sphäre eines anderen, nach einem zu lauten Niesen oder Schnäuzen, einem Anrempeln oder einem Schluckauf. Oder eine freundliche Einleitung, um um eine zweite Tasse Kaffee zu bitten. Oder eine dramatische Overtüre für einen zornigen Monolog: "Entschuldigung?! Glauben Sie, Sie können hier einfach..."

Aber im Monat Elul, und zu Rosh HaShana und Jom Kipur, nimmt "Entschuldigung!" einen Ehrenplatz ein, und in einem sehr ernsten Kontext. Am frühen Morgen sagen wir Slichot (wörtlich "Entschuldigungen"). Die Entschuldigung ist ein essentieller Bestandteil auf dem Weg zu den Jamim Nora'im, den hohen Feiertagen. Und im Gegenteil zum üblichen Gebrauch, braucht die "Entschuldigung" in diesen Tagen eine Erklärung.

 

Das Geschehene ungeschehen machen

Um Entschuldigung zu bitten ist ein Ausdruck des Bedauerns, Bereuens. Das heißt, wir würden gerne in der Zeit zurück gehen und die Taten oder Worte, die passiert sind, ungeschehen machen. Wir würden gerne die Worte, die uns aus dem Mund gefallen sind, zurück nehmen und runterschlucken. Wir würden gerne Dinge, die wir getan haben, löschen und den schlechten Eindruck, den wir gemacht haben aus dem Gedächtnis der Menschen entfernen.

Aber die Erfindung des Jahrhunderts, die die Wirklichtkeit zurück schrauben könnte, ist noch nicht erfunden. So ein Gerät würde sich zu jedem Preis verkaufen. Wenn wir auf einen Knopf drücken könnten, und Ereignisse aus der Vergangenheit einfach löschen – wahrscheinlich würden wir diesen Knopf sehr oft benutzen. Aber die Wirklichkeit gallopiert vorwärts und wir füllen sie mit Gedanken, Worte und Taten. Einen Weg zurück gibt es (im Moment noch) nicht. So scheint es.

Aber so einen Weg gibt es, und zwar schon lange, schon vor der Schöpfung: auf spiritueller Ebene. Die Tshuva (Umkehr) ist älter als die Welt. Tshuva kadma laOlam. Und die Tshuva ermöglicht uns genau, zurück zu gehen zu dem Zeitpunkt vor unserer schlechten Tat. Diese wunderbare Chance nennt man Petach Charta, die Öffnung der Reue. Das ist die höchste Stufe der Tshuva, wo die Sünde als niemals begangen gilt. Aber wie funktioniert das?

Es heißt, die Tshuva ist älter als die Welt. Der Schöpfer der Welt kennt seine Geschöpfe sehr gut. Er ist sich ihrer Schwächen bewusst, genauso wie der großen Verantwortung, die er auf ihre Schultern gelegt hat. In diesen fragilen Händen liegt eine unglaubliche Macht, frei zu entscheiden. Diese Hände können bauen und zerstören. Und deshalb hat er, noch bevor er die Welt und den freien Willen erschaffen hat, die Möglichkeit der Korrektur erschaffen: Tshuva.

Eine Tat ist das Ergebnis eines Prozesses. Jede Handlung beginnt mit einem Willen, dieser schlägt sich schließlich in einem Gedanken nieder, der findet seinen Ausdruck im Sprechen, und in noch deutlicher Form in einem Tun der Hände. Tshuva ist, zurück an den Anfangspunkt zu gehen, zum Willen. Wir Menschen können zurück gehen zu dem Moment vor der Tat un den schlimmen Folgen, und an der Wurzel der Tat korrigieren, was korrigiert werden muss, noch vor der Verzerrung. Dazu braucht man echte Reue.

 

Auch HaShem bereut

Der Heilige, gepriesen sei er ist gnädig wie kein anderer. Er wusste genau, wie bedauernswert und armselig wir nach einer falschen Tat sein würden. Wie ein ertapptes Kind, verlegen und beschämt. Mit was für einem Gesicht würden wir vor ihm stehen, in dem Moment, in dem wir zugeben müssten, dass etwas nicht in Ordnung ist. Er hat gebaut und gegründet und wir haben abgerissen und zerstört. Er hat voller Gnade und Barmherzigkeit uns alles gegeben und wir haben geraubt und geplündert. Darum hat er sich selbst quasi in die gleiche Situation begeben. Auch der Schöpfer der Welt bereut.

HaShem, gepriesen sei er, bereut, dass er haJezer hara, den bösen Trieb, die Versuchung, geschaffen hat. Jeden Monat bittet er sozusagen um Vergebung. "Bringt Sühne für mich", ruft er und erbittet von uns, seinen geliebten Söhnen, am Beginn jedes neuen Monats, ein besonderes Opfer zu bringen, zur Sühne für die Erschaffung des bösen Triebs. Es kann keinen Zweifel geben, dass die Reue des Schöpfers ganz anders ist als menschliche Reue. Aber trotzdem, für uns, hat er eine Realität erschaffen, deren Schöpfung er bereut. Dieser Fakt gibt uns die Fähigkeit, zu wagen, um Vergebung zu bitten. Darum ist Rosh Chodesh, der Beginn jedes neuen Monats, eine besondere Zeit, um um Vergebung zu bitten. Darum wurde der Tag des Gerichts für die ganze Schöpfung auf den Rosh Chodesch des Monats Tishrei gelegt: Rosh HaShana, der Beginn des Jahres.

 

Echte Reue und Gewissensbisse

Die Reue ist ein einzigartiges Mittel, um falsche Taten zu korrigieren – wenn die Reue echt ist. Über die Bösen heißt es, sie sind voller Reue. Oft wird Reue falsch benutzt. Der Mensch ist es gewohnt, seine Taten aus Zweifel, Zögern und Gewissensbissen heraus zu tun. Die Reue, die zur Tshuva gehört, ist kein Gewissensbiss, kein mieses Gefühl. Diese Reue ist eine tiefe Einsicht, und innere Erkenntnis, dass ich keinerlei Willen habe, dass die bitteren Folgen meiner Taten eintreten. Diese Erkenntnis kommt gerade aus dem Fehler. Und dann, nach dem Fehler, wenn die elenden Folgen sich zeigen und in uns widerhallen, wenn man sich dann aufrafft und nicht aufgibt, dann kommt aus dem Inneren ein Gefühl von echter Reue. Dieses reine Gefühl ist das ehrliche Gefühl eines Geschöpfes, dass akzeptiert, dass seine willkürlichen Taten, die aus einem aufgeblähten Ego und Selbstverliebtheit kommen, der wunderbaren Welt, die der Schöpfer um ihn herum am Leben erhält, einen schmerzhaften Schaden verursacht haben. Die wunderbaren Geschenke, die der Schöpfer ohne Unterlass der Welt und ihren Einwohnern zukommen lässt, wurden, zu unserer Schande, genau durch unsere Hände zestört, die die Geschenke und das Gute bekommen haben. Wenn der Geschaffene das versteht, dann stimmt er sogar zu, nicht zu sein, denn das ist besser als zerstörerisch zu sein. Er ist einverstanden, Platz zu machen, zurück zu treten. Er kehrt dann wirklich an den Punkt vor der Tat zurück. Und dort, an diesem Punkt, wenn er seine Taten wirklich bereut, entzieht er der Tat ihre Lebenskraft: seinen Willen, sie zu tun.

 

Auf der materiellen Ebene gibt es die Option nicht. Wir müssen mit den Folgen unserer Taten leben, und können nur versuchen, böse Folgen so gut es gut einzuschränken oder zu wieder gut zu machen. Aber auf der spirituellen Ebene kannst du die Tat tatsächlich ungeschehen machen. Die Reue bewirkt, dass ein Mensch nicht mehr zu seinen Taten steht, und damit sind die Taten hinfällig. Reue kann nur aus einer echten Erkenntnis der Wirklichkeit wachsen. Aber dann, wenn wir verstehen, was tatsächlich passiert ist, welches Unheil wir angerichtet haben, dann erwacht ein echter Wille, das zu korrigieren. Diese Reue ist nicht Zweifel und Gewissensbisse, sie ist klar und eindeutig. So eine Reue kann jeden Fehler ausmerzen. "Es gibt auf der Welt kein Aufgeben", erinnernt uns Rabbi Nachman aus Breslev.





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