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Auf den Spuren des Hohepriesters    

Auf den Spuren des Hohepriesters



G’ttes Wille an Jom Kippur ist nicht, dass wir uns vor einer Strafe fürchten – sondern Er will, dass wir Angst vor dem falschen Weg bekommen.

 



Unsere heutigen Feiertagsbräuche leiten sich von den Ritualen im Tempel ab. Das Anliegen von Jom Kippur wird häufig missverstanden.

 

G’ttes Wille an Jom Kippur ist nicht, dass wir uns vor einer Strafe fürchten – sondern Er will, dass wir Angst vor dem falschen Weg bekommen. Durch unsere Selbstreflexion an Jom Kippur erlangen wir Einsicht, dass wir einen falschen Weg gewählt haben. Und das soll uns so weit erschrecken, dass wir neue Wege einschlagen.

 

Dieses Anliegen spiegelte sich an Jom Kippur zu den Zeiten des jüdischen Tempels in Jerusalem in der Arbeit des Kohen Hagadol, des Hohepriesters, wider. Der Mittelpunkt des Feiertags war im Tempel, nicht anderswo. Die Menschen hielten zwar zu Hause und in ihren Gemeinden die fünf Verbote von Jom Kippur ein (essen, trinken, sich waschen, Lederschuhe tragen sowie das Liebesspiel) und konzentrierten sich auf die Teschuwa, die Rückkehr zu G’tt. Doch welch große Arbeit der Hohepriester an diesem Tag leistete, spürte man überall.

 

 

ÜBUNG

 

Die Vorbereitungen für Jom Kippur begannen sofort nach Rosch Haschana. Eine Woche vor Jom Kippur, so berichtet die Mischna, übten die Rabbiner mit dem Kohen Hagadol seinen Dienst an Jom Kippur. Da der Kohen unbedingt verheiratet sein musste, hielt man sogar eine Frau für ihn bereit – für den Fall, dass seine eigene Frau sterben sollte.

 

Höchstes Ziel der Arbeit des Hohepriesters an Jom Kippur war die Vergebung der Sünden: »An diesem Tag bedeckt man über euch, euch zu reinigen: Von all euren Sünden vor Ihm werdet ihr rein« (3. Buch Mose 16,30).

 

Das funktioniert aber nicht einfach von alleine. Ohne dass der Mensch selbst seine Sünden bekennt, sie bereut und zur Entscheidung kommt, sie nie mehr zu wiederholen, ist die Teschuwa nicht vollkommen. Es handelt sich dabei nicht um ein allgemeines Bekenntnis: Der Mensch muss sich an seine einzelnen Sünden erinnern und daran arbeiten, davon Abstand zu nehmen.

 

 

WIDUJ

 

Die Mizwa des Widuj, des Sündenbekenntnisses, erfüllte der Kohen Hagadol in drei Stufen an Jom Kippur. Er repräsentierte dabei das gesamte jüdische Volk vor G’tt. Als Allererstes musste er selbst »rein« sein. Daher begann er mit dem Bekenntnis seiner eigenen Sünden und der Sünden seiner Familienmitglieder. Das Sündenbekenntnis legte er während des Opferbringens ab. Im zweiten Teil bekannte er die Sünden aller Kohanim und als Letztes die Sünden des gesamten jüdischen Volkes.

 

Ein spannungsvoller Moment war es, wenn der Kohen ein Los über zwei Böcke warf. Einmal im Jahr geschah etwas, das uns heute fremd erscheint: Eines der Opfer ging nicht nur an G’tt. Denn an Jom Kippur versucht der »Satan«, derjenige, der uns vor G’tt anklagt, alle unsere Sünden zu erwähnen und G’tt zu überzeugen, uns dafür zu bestrafen.

 

G’tt befahl uns daher, an Jom Kippur einen Ziegenbock zu nehmen und ihn »LaAsasel« zu bringen. Der Kohen warf ein Los. An einer Tafel stand »laHaschem«, zu G’tt. An der anderen stand »laAsasel«. Ein Bock wurde auf dem Altar im Tempel geopfert, der andere wurde von einem Kohen bis in die judäische Wüste begleitet. Dort stieß man ihn von einem Berg hinunter. Dieser Ziegenbock war für Asasel bestimmt.

 

 

ZIEGENBOCK

 

Zwischen die beiden Hörner wurde ein roter Faden gebunden. Ein Teil des Fadens blieb bei den Kohanim. Als der Ziegenbock auf der Spitze des Berges stand, verfärbte sich der Faden normalerweise von Rot zu Weiß als Zeichen dafür, dass G’tt unsere Sünden verzieh. Wenn der Faden rot blieb, herrschte allgemeine Niedergeschlagenheit.

 

Der Kohen durfte das Kodesch Hakodaschim – das Allerheiligste im Tempel, wo sich die Bundeslade befand – nur an diesem einzigen Tag im Jahr betreten. Das war auch der schwierigste Moment an Jom Kippur. Denn ein Kohen, dem seine Sünden nicht vergeben wurden, musste dort sterben – wie zum Beispiel während der Zeit des Zweiten Tempels, als viele Kohanim an Jom Kippur im Kodesch Hakodaschim starben, da sie nicht die geistige Reife für diese Arbeit erreicht hatten.

 

An Motzei Jom Kippur, wenn der Kohen Hagadol am Leben geblieben war und seine Arbeit vollendet hatte, begleitete ihn das Volk nach Hause und veranstaltete eine große Feier, weil er keinen Fehler begangen hatte und vollkommen rein war.

 

Seit der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 n.d.Z. und bis zum heutigen Tag muss man den Tag von Jom Kippur mit Gebeten und Riten füllen, um die Arbeit des Kohen Hagadol durch eine bedeutungsvolle Ordnung zu ersetzen. Da aber die Arbeit des Kohen Hagadol nicht ohne Weiteres zu ersetzen ist, lehren uns die Weisen Folgendes: »So wollen wir opfern die Frucht unserer Lippen« (Hosea 14,3). Wir können die Arbeit im Tempel also mit unseren Lippen, das heißt, durch das Lernen und Lesen, erfüllen.

 

 

MIKWE

 

An Erew Jom Kippur reinigt man sich, indem man in der Mikwe untertaucht. Die Tewila, das Untertauchen in der Mikwe, geschieht, indem man seinen gesamten Körper mit Wasser bedeckt. Man sollte sich selbst als Baby im Bauch seiner Mutter vorstellen. Somit wird man wie neugeboren. Auf diese Weise reinigte sich auch der Kohen vor Jom Kippur, um »tahor«, »rein«, vor G’tt zu stehen.

 

Der Hohepriester musste im Tempel in die Mikwe gehen, obwohl es an Jom Kippur verboten ist, sich zu waschen. Es war die Regel, dass er jedes Mal, wenn er seine Kleider wechselte, in der Mikwe untertauchen musste. Wenn er also die einfache weiße Kleidung gegen acht bunte Stücke oder umgekehrt tauschte, musste er wieder ins Wasser.

 

Als Entsprechung dafür, dass der Kohen Hagadol an Jom Kippur fünfmal in die Mikwe ging und zehnmal seine Hände und seine Füße reinigte, sagen wir am Jom Kippur fünf Gebete (Kol Nidre mit Maariw, Schacharit, Mussaf, Mincha und Neila) und sprechen zehnmal das Widuj-Gebet, das Bekenntnis unserer Sünden.

 

Im Mittelpunkt des Mussaf-Gebets steht »Seder Ha-Awoda«. Das ist ein Gebet, in dem alles, was der Hohepriester im Tempel getan hat, erwähnt wird. Leider sind viele Menschen schon etwas müde, wenn man zu diesem Teil des Gebets kommt. Aber wenn man es in Ruhe liest, findet man dort eine Einleitung, die die menschliche Geschichte seit der Erschaffung der Welt beschreibt und sie mit unserem Bedürfnis, dass der Kohen unsere Sünden vor G’tt vergeben wird, verbindet.

 

 

G’TTES NAME

 

Wenn der Kohen Hagadol das Sündenbekenntnis Widuj sagte, sprach er auch G’ttes Namen voll und ganz aus – den Namen, der aus 72 Buchstaben besteht. Das Volk, das in der Azara, im Hof des Tempels, stand, fiel dann sofort auf den Boden nieder, verbeugte sich vor G’tt und sprach: »Baruch Schem Kwod Malchuto leolam Waed« – »Gelobt sei der Name der Herrlichkeit Seines Reiches immer und ewig«. Wir dürfen uns heute nicht so wie im Tempel auf den Boden niederwerfen, damit nicht der Verdacht entsteht, dass wir Götzendiener seien. Daher legen wir ein kleines Stoffstück zwischen den Kopf und den Boden.

 

Nach Jom Kippur ist es eine Mizwa, eine besondere feierliche Mahlzeit zu uns zu nehmen. Damit bedanken wir uns bei G’tt, dass er uns ins Buch des Lebens eingeschrieben hat. Und das ist auch eine schöne Erinnerung an die Mahlzeit, die das Volk für den Kohen Hagadol damals, zur Zeit des Tempels, organisiert hat.

 

Noch einmal zum tieferen Sinn von Jom Kippur: Er besteht nicht darin, uns zu bestrafen, sondern uns auf einen neuen und besseren Weg zu leiten. Die Strafe folgt aber leider doch, wenn wir die Signale und die Zeichen G’ttes nicht annehmen.

 

Doch hätte G’tt uns für all unsere Taten bestrafen wollen, könnten wir gar nicht existieren. Sein Zorn hätte uns sofort nach jeder Sünde ausgelöscht. Die Barmherzigkeit G’ttes aber hilft uns, verlängert unser Leben und schenkt uns Kräfte und Möglichkeiten, um uns zu verbessern. Der Midrasch sagt: Als G’tt die Welt erschuf, dachte Er, die Welt mit Härte und Gerechtigkeit zu regieren. Nur sah Er aber, dass kein Geschöpf das durchhalten wird. Also fügte Er Seine Barmherzigkeit hinzu – und regiert in Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.

 

 

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD). Dieser Artikel erschien in der Jüdischen Allgemeinen.





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