3 Cheschwan 5781 / Mittwoch, 21. Oktober 2020 | Thora-Parascha: Noach
 
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Missionieren - nein, danke    

Missionieren - nein, danke



Das Judentum gilt als eine Religion ohne missionarischen Eifer. In Gegensatz dazu setzten sich das Christentum und der Islam das Ziel, so viele Menschen wie möglich zu bekehren.

 



Die Juden sind alle am Berg Sinai zum Judentum übergetreten
 
Die Weisen haben durch die Festlegung, dass am Fest der Tora-Übergabe das Buch Ruth gelesen und gelernt wird, eine erstaunliche Verbindung vollbracht. Das Schavuot-Fest ist bei uns als Fest der Tora-Übergabe, als Fest der Ideen bekannt. Ein Fest von 600.000 Menschen, welche die Stimme des Schöpfers, der uns die Gebote der Tora übergab, gehört haben. Die Weisen entschieden sich, gerade bei diesem Fest eines der schwierigsten Themen der jüdischen Geschichte und Philosophie einzubringen. Die Gegenwart von Ruth beim Schavuot-Fest verleiht diesem sein Merkmal als Fest der Konvertiten, die sich dazu entschieden haben, sich an Gott anzuschließen.

Bekannterweise verließ die damals in Bet-Lehem lebende Familie von Nomi und Elimelech Eretz Israel wegen der materiellen Not, die sich bis zu einer richtigen Hungersnot verschlimmerte. Machlon und Kiljon, Elimelech und Nomis Söhne, heirateten ausländische Frauen und schwächten damit ihre jüdische Identität. Der Vater Elimelech und auch die Söhne starben in jungen Jahren. Deren früher Tod ist als ein Wendepunkt im Leben Nomis und Ruths zu betrachten. Nomi - als alleinstehende Witwe im Exil - entschied sich, in ihre Heimat zurückzukehren: zu den Orten, die ihr vertraut waren, zu den Nachbarn und zu der Sprache, mit der sie aufwachsen war. Aber wie es im Buch Ruth steht, kehrte sie wegen dem Ende der Hungersnot in Eretz-Israel zurück. Als sie ihren Schwiegertöchtern Orpa und Ruth Lebewohl sagen wollte, verabschiedete sich Orpa mit großem Schmerz von ihr und kehrte in ihr Elternhaus zurück. Die große Überraschung geschah durch Ruth aus Moaw, die sich weigerte, Nomi zu verlassen und zu ihr einen Satz sagte, der eine Schlüsselfunktion beim Verständnis der Aufnahme von Konvertiten in das Volk Israel besitzt: „Ruth antwortete: Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Gott tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.“

Das Judentum gilt als eine Religion ohne missionarischen Eifer. In Gegensatz dazu setzten sich das Christentum und der Islam das Ziel, so viele Menschen wie möglich zu bekehren. Deshalb, weil die Weisen festlegten, dass die Nachkommen von Noa sieben Geboten gehorchen müssen. Die sieben Gebote für die Nachkommen Noa (Bezeichnung für einen Nichtjuden, weil nach der Sintflut mit Noa die Entstehung der Menschen begann) gelten, falls ein Nachkomme Noas bereit ist, an Gott zu glauben und seinen Anweisungen zu folgen, wird er dies durch die Einhaltung dieser Gebote ausdrücken können ohne die 613 Gebote aus der Tora akzeptieren zu müssen, die für uns als Juden vorgesehen sind. Das heißt, jeder Nachkomme Noas, der an Gott glaubt, kann das Potential ausschöpfen, das ihm von Gott gegeben wurde, selbst wenn er Nichtjude bleibt. Dank diesem Verständnis ist es klar, dass das Volk Israel nie sehr viel mit dem Thema der Konvertierung  zum Judentum zu tun hatte.

Dennoch, es gibt viele Menschen, die diesen Status nicht als ausreichend erachten und das Judentum vollständig als Religion übernehmen möchten. Dafür wurde die Konvertierung erdacht.

 


DIE QUELLE DES GIUR (KONVERTIERUNG) ENTSTAMMT AUS DER KONVERTIERUNG DES VOLKES ISRAEL!

Interessant ist, dass das Thema Konvertierung nicht unbedingt der Konvertierung von Nichtjuden zum Judentum übernommen wurde, sondern der Konvertierung der Juden zum Judentum vor der Übergabe der Tora entstammt.

Nach den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten sollte das Volk Israel die Tora empfangen. In Rahmen der Vorbereitung zum Empfang der Tora sollte sich das Volk Israels drei Dingen unterwerfen (Talmud in Jewamot 46 und im Kommentar für Mimonides Hilchot Isurei Bia Kapitel 13 Halachot 1-4).
 

  1. Obwohl es in Ägypten nicht die Möglichkeit gab, die Beschneidung durchführen zu können, hatte Moses das ganze Volk noch vor dem Auszug aus Ägypten beschnitten.
  2. Bevor das Volk Israel die Tora empfangen konnte, mussten sich alle reinigen und die Bekleidung waschen - ein Vorgang, der von den Weisen als Reinigung in der Mikweh (rituelles Bad) wahrgenommen wurde.
  3. Die Weisen fügen noch eine Tat hinzu, die gegenwärtig nicht mehr aktuell ist - die Darbringung eines Opfers durch die ältesten Sohne des Volkes (die zukünftig durch die Priester ersetzt wurden).

 
Mimonides erklärt dort, dass das Volk Israel durch diese drei Dinge in den Bund (mit Gott) eintrat: durch die Beschneidung, das Waschen und das Opfer.
 
Diese Taten dienen als Beispiel für jeden, der Jude werden möchte. Ein Nichtjude, der zum Judentum konvertieren möchte, soll beschnitten werden, sich in der Mikweh waschen und, ebenso wie das Volk Israel während der Tora-Übergabe, soll er alle Gesetze der Tora akzeptieren und sich dazu verpflichten, diese genauso wie jeder Jude zu erfüllen. Mimonides hatte in Halacha 4 gesagt: „Und so wird es getan wenn ein Nichtjude den Bund (mit Gott) beschließen möchte und unter Gott sein möchte, soll er die Tora akzeptieren, beschnitten werden (die Knaben) und die rituelle Waschung vornehmen ...“

 


ICH FÜHLE MICH JÜDISCH - REICHT DAS AUS? WAS SIND DIE BEDINGUNGEN DER AUFNAHME VON KONVERTITEN ZUM JUDENTUM?

Die allgemein geltende Einstellung zur religiösen Identität stimmt nicht mit denen im Judentum überein. Viele Menschen denken, dass es reicht, gewisse Gefühle und Eigenschaften zu besitzen um Angehöriger einer Religion zu werden. Deshalb glaubt ein Mensch der fühlt, dass in einer Religion die Wahrheit steckt, die in einer anderen Religion nicht vorhanden ist, er könne seine Religion sofort ändern. Tatsächlich hat jede Religion ihre „Eintrittskarte“ oder religiöse Rituale für eine Konvertierung. Aber schließlich reicht die Erklärung der Bereitschaft, seine Religion zu ändern, nicht aus. Die jüdische Philosophie und Religion bestimmt eine andere Definition für  diejenigen, die Juden sind.

Das Judentum, im Gegensatz zu anderen Religionen, ist eine Mischung aus Religion und Nationalität. Ein Jude, selbst wenn er ungläubig ist, selbst wenn er sich von seinem Gefühl her von Gott entfernte, gilt weiterhin als Jude durch die Zugehörigkeit zur jüdischen Nation. Das gleiche gilt für einen Nichtjuden, der den jüdischen Glauben annimmt - ab diesem Augenblick gehört er sofort der jüdischen Nation an. Deshalb wird von denjenigen, die sich dem Volk Israels anschließen möchte verlangt, diese beiden, sich gegenseitig ergänzenden Bereiche wahrzunehmen.

Wir betrachten denjenigen, der zum Judentum konvertieren möchte zuallererst - bevor die Tiefe seines Glaubens an Gott geprüft wird - als jemand, der Teil des Volkes Israel werden möchte (Jewamot 46). Das Zusammenkommen mit dem Volk Israel verlangt die mentale Bereitschaft, an dem Leiden, das an dem Volk Israel durch andere Völker verübt wird, teilzunehmen. Es handelt sich hier nicht um einen „sadistischen“ Prozess, sondern um eine Realität, die wahrnimmt, dass das Volk Israel im Laufe der Geschichte aus unterschiedlichen Gründen von antisemitischen Ereignissen begleitet wurde. Und deshalb begibt sich ein Mensch mit seinen Nachkommen, die sich an das Volk Israel anschließen werden, in eine Risikogruppe vor dem Hintergrund der Beziehungen zu diesem Volk. In diesem Zusammenhang sagt Mimonides (Isurei Bia Kapitel 13, 16) „deshalb hat das Gericht keinen Konvertiten während des Königreichs Davids und Salomons aufgenommen, als das Königreich Davids in der Gefahr stand, dass viele wegen die Stärke des Königreichs Davids konvertieren würden und während Salomons Königreich, das durch Wohlstand und Reichtum gekennzeichnet war, bestand eine Gefahr, dass viele zum Judentum konvertieren wollten, um diesen Reichtum und Wohlstand zu genießen.“

Das Lernen der Tora und die Einhaltung der Gebote beweisen die Bereitschaft der Konvertiten, den jüdischen Glauben in sich aufzunehmen. Die Besonderheit darin liegt, dass sie sich nicht mit abstrakten religiösen Begriffen wie Nächstenliebe und Friedenschaffen begnügen, sondern sie verlangt eine praktische Aneignung der Tora als ein Buch von Moral und Gesetz, das den Mensch in allen Bereichen des Lebens begleitet ­– in der Medizin, der Wirtschaft, der Technologie und in den religiösen Belangen wie dem Kalender und dem Lebenskreis.

Diese Bedingungen drückte Ruth mit dem, was sie sagte, als sie sich bereit erklärte, Jüdin zu werden,  sehr gut aus. 

Die Weisen erklären, dass Ruth folgende Dinge meinte:

„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen“ = Die Achtung des Schabbat (Sabbat).
„Wo du bleibst, da bleibe ich auch“ = Die Gebote im Bereich der Familie.
„Dein Volk ist mein Volk“ = Die Bewahrung der 613 Ge- und Verbote.
„Dein Gott ist mein Gott“ = Das Verbot, andere Götter zu haben.
„Wo du stirbst, da sterbe ich auch“ = Die Autorität des Gerichts über die Todesstrafe zu entscheiden.
„Da will ich auch begraben werden“ = Jüdin für immer zu bleiben.

Ruth meinte, dass jeder, der zum Judentum konvertieren möchte, sich dem Volk Israel nur dann anschließen kann, wenn er die Gebote bewahrt und damit erklärt, dass er den Gott Israels akzeptiert.
 


Der Autor ist Rabbiner der Großgemeinden Dortmund und Mitglied in der ORD.





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