9 Kislew 5781 / Mittwoch, 25. November 2020 | Thora-Parascha: Wajeze
 
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Das Timing von „Wesot HaBracha“    

Das Timing von „Wesot HaBracha“



Warum endet der Zyklus der Tora-Lesungen nicht vor Rosch HaSchana, sondern erst ungefähr drei Wochen später?

 



Unsere Weisen haben den Pentateuch in 54 Abschnitte eingeteilt, damit es auch in einem Schaltjahr, das bekanntlich aus 13 Monaten besteht, genügend Abschnitte für die Tora-Vorlesung am Schabbat gibt. Und sie haben ebenfalls festgelegt, wann der Zyklus der Lesungen beginnt und wann er endet: „Bereschit“ (1. Buch Mose 1,1 - 6,8) wird am Schabbat nach Schmini Azeret/Simchat Tora in der Synagoge vorgetragen, und "Wesot HaBracha" (5. Buch Mose 33,1 - 34,12) wird stets am Fest Schmini Azeret/Simchat Tora vorgelesen.

 

Bemerkenswert ist, dass "Wesot HaBracha" in den Ländern der Diaspora immer an einem Wochentag gelesen wird, niemals an einem Schabbat. Im Lande Israel kann es zwar vorkommen, dass "Wesot HaBracha" an einem Schabbat vorgetragen wird, aber in den meisten Jahren, ist dies, wie ein Blick in den Kalender für 100 Jahre zeigt, nicht der Fall. Wir können also festhalten, dass "Wesot HaBracha" unter den Wochenabschnitten eine Ausnahme bildet: Er ist der einzige Abschnitt, der nicht an einem Schabbat gelesen wird. Was mag der Grund für diese Ausnahme sein?

 

Eine weitere Frage drängt sich dem Betrachter auf: Warum endet der Zyklus der Tora-Lesungen nicht vor Rosch HaSchana, sondern erst ungefähr drei Wochen später? Die Weisen hätten Anfang und Ende des Zyklus problemlos anders arrangieren können.

 

Eine auf den ersten Blick verblüffende These, die unser Zeitgenosse Rabbiner Dr. Joel Bin-Nun in seinem hebräischen Buch „Zakhor Ve-Shamor“ (Alon Shevut 5775) aufgestellt hat, kann uns helfen, beide aufgeworfenen Fragen zu beantworten. Seine These lautet: „Das neue jüdische Jahr beginnt, bevor das vorhergehende Jahr zu Ende gegangen ist!“ Wie ist so etwas überhaupt denkbar? Wie beweist R. Bin-Nun diese kühne Behauptung?

 

Unbestreitbar ist, dass an dem Tag, den wir gewohnt sind Rosch HaSchana zu nennen, am 1. Tischri, die Jahreszahl sich ändert. Diese Tatsache weist darauf hin, dass an diesem Tage ein neues Jahr begonnen hat. Was spricht gegen die naheliegende Auffassung, das alte Jahr sei am Vortag, also am 29. Elul, zu Ende gegangen? R. Bin-Nun führt mehrere Tora-Verse an, in denen ausdrücklich gesagt wird, dass das Jahr mit dem Sukkot-Fest endet.

 

Als Beweis dienen folgende Verse:

 

1. „Und das Fest der Ernte, der Erstlinge deiner Arbeit, dessen, was du ausgesäet auf dem Felde; und das Fest der Einsammlung beim Ausgang des Jahres - wenn du einsammelst deine Arbeit vom Felde“ (2. Buch Mose, 23,16).

 

2. „Und als ein Wochenfest hast du dir das Fest der Erstlinge der Weizenernte zu gestalten, und ein Fest der Ernte mit der Jahreswende“ (2. Buch Mose, 34,22).

 

3. „Und Mosche gebot ihnen also: Am Schluss von sieben Jahren um die Zeit des Erlassjahres, am Feste der Hütten“ (5. Buch Mose, 31,10).

Wir sehen also, dass Sukkot sich zwar eindeutig im neuen Kalenderjahr befindet, jedoch mehrfach im Pentateuch als Schluss des Jahres bezeichnet wird.

 

In der Tora wird der am 1. Tischri begangene Feiertag, an dem Schofar geblasen werden soll, niemals als Rosch HaSchana bezeichnet. Beim Propheten Jecheskel (40,1) kommt die Bezeichnung Rosch HaSchana vor; dort ist allerdings eindeutig von Jom HaKippurim die Rede! R. Bin-Nun erklärt, dass „Rosch HaSchana“ in der Bibel nicht einen einzigen Tag meint, sondern vielmehr einen bestimmten Zeitraum: Anfang des Jahres. Daher kann der Prophet Jecheskel Jom HaKippurim, der am 10. Tischri begangen wird, durchaus mit Rosch HaSchana in Verbindung bringen.

 

Wenn wir den 1. Tischri als Beginn des jüdischen Jahres nehmen, dann endet das Sonnenjahr 365 Tage nach diesem Anfang. Jom HaKippurim erweist sich als der letzte volle Tag des alten Jahres! Diese Tatsache ist, wie R. Bin-Nun betont, nicht seine Entdeckung; er verweist auf Rabbiner Menachem Ben Salomon Meir (1249-1316), der in einer seiner Schriften Jom HaKippurim als letzten Tag des Sonnenjahres gesehen hat.

 

Kehren wir nun zu den oben gestellten Fragen zurück. Warum endet der Zyklus der Tora-Lesungen nicht im Monat Elul, vor Rosch HaSchana? Die überzeugende Antwort lautet: Weil am 1. Tischri lediglich der Monat der Jahreswende beginnt. Erst das Sukkot-Fest beschliesst den Kreis der drei Wallfahrtsfeste und das landwirtschaftliche Jahr. Der letzte Wochenabschnitt gehört an das Ende des jüdischen Jahres!

 

Die Tatsache, dass das Jahr erst nach Sukkot endet, begründet die Ausnahmeregelung für "Wesot HaBracha": Dieser Abschnitt soll genau an dem Tag verlesen werden, der das Ende des jüdischen Jahres markiert. Die Regel, dass der Wochenabschnitt jeweils am Schabbat zu lesen ist, tritt schon wenige Tage später in Kraft, am Schabbat „Bereschit“.





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