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Schrei gegen das Unrecht    

Schrei gegen das Unrecht



Angesichts von Menschenrechtsverletzungen müssen wir unsere Stimme erheben

 



Angesichts von Menschenrechtsverletzungen müssen wir unsere Stimme erheben
 
Der Sieger der 14. Fußball-Europameisterschaft 2012 wurde, wie ja alle wissen, Spanien.

Doch leider wurde die Vorfreude zur EM durch sehr unerfreuliche Nachrichten getrübt. Medien berichteten über Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine. Einige haben sogar vorgeschlagen, die Europameisterschaft zu boykottieren, andere wollten, dass zumindest die Politiker aus den EU-Staaten die Spiele in der Ukraine nicht besuchen, umso den Platz neben den ukrainischen Regierungsvertretern nicht einzunehmen und auf diese Weise ihren Protest zu demonstrieren. 

Bundestrainer Joachim »Jogi« Löw, der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, Philipp Lahm, und einige Spieler hatten sich ebenfalls sehr kritisch über die Ereignisse und die Lage der Menschenrechte in der Ukraine geäußert. Doch haben sie auch ganz klar betont, dass man Sport und Politik voneinander trennen muss.


RECHTE 


Wie stehen wir Juden da, was ist unsere Sicht darauf? Muss man überhaupt immer Stellung zu den politischen Geschehnissen in einem anderen Land beziehen? Müssen wir jedes Mal aufschreien, wenn irgendwo die Rechte von Menschen verletzt werden? Oder soll jeder sich um seinen eigenen Kram kümmern und die anderen in Ruhe lassen? Viele sagen, sie wollen nur Fußball schauen beziehungsweise spielen und nicht in irgendwelche politischen Auseinandersetzungen mit hineingezogen werden. 

Was sagt unsere jahrtausendealte Tradition dazu, unsere Rabbiner und die Bücher? Eine der größten Menschenrechtsverletzungen, die in der Tora thematisiert wird, ist wahrscheinlich die Versklavung der Juden in Ägypten gewesen. Wir waren vollwertige Bürger des Landes, doch Schritt für Schritt wurden wir unserer Rechte beraubt, machte uns der Pharao durch hinterlistige Tricks zu Sklaven.

ENTRECHTUNG 


Doch der Pharao war nicht allein. Genauso wie alle anderen Herrscher hatte auch er seine Berater. Auf den Vers »Lass uns sie (wörtlich »ihn«, damit ist das jüdische Volk gemeint) überlisten« (2. Buch Moses, 1,10) kommentiert der Jalkut Schimoni Folgendes: »Drei Personen waren in den Plan des Pharaos involviert: Bilaam, der die Ratschläge erteilte, Hiob, der schwieg, und Yitro, der flüchtete. Bilaams Strafe war, dass er im Kampf umgebracht wurde. Hiob wurde für sein Schweigen mit Schmerzen und Leiden bestraft. Wobei Yitro, der flüchtete (und somit seinen Protest äußerte), mit den Enkelkindern belohnt wurde, die im Lishkat Hagazit (Sitz im Sanhedrin) gesessen haben.«

Wie wir wissen, bestraft G’tt die Menschen nach dem Prinzip »Mida keneged Mida«, also Maß für Maß, denn jede Strafe soll einen erzieherischen Aspekt erfüllen, damit der Betroffene oder die anderen dadurch auf den rechten Weg zurückfinden. Es ist verständlich, dass Bilaam getötet wurde, denn er erteilte die Ratschläge, wie man am besten die Juden oder das Judentum vernichten kann. Es ist auch nachvollziehbar, warum Yitro mit Enkelkindern belohnt wurde, die Richter wurden. Denn ein Richter braucht eine starke Entscheidungsfähigkeit und muss gegebenenfalls schnell reagieren, genauso wie es Yitro gemacht hatte. 

LEIDEN 


Doch wofür wurde Hiob bestraft? Er hat doch nichts gemacht, weder im positiven noch im negativen Sinne. Er saß nur da und hat geschwiegen. Warum also sollte er, der einfachen Logik folgend, nicht in Ruhe gelassen und weder bestraft noch belohnt werden? Und doch sehen wir, dass er mit schweren Leiden bestraft wurde. Warum?

Die Antwort auf die Frage wird uns in einem sehr kurzen und lakonischen Satz überliefert. Natürlich könnte man - wie so oft - ganze Bücher nur über die Auslegungen dieses einen Satzes verfassen. Aber die Weisen sagen nur kurz und bündig: »Wenn es wehtut, dann schreit man.«

Hiob hatte die Möglichkeit, gegen den Plan des Pharaos zu protestieren oder zumindest, wie es Yitro getan hatte, die Flucht zu ergreifen, um nicht Teil der Unterdrückung zu werden und zu sein. Doch es hat Hiob nicht gekümmert, dass Menschenleben vernichtet werden, es war ihm gleichgültig, dass freien Menschen die Freiheit entzogen wurde – das Leid der anderen war Hiob egal. 

Dafür wurde er selbst mit Leid sanktioniert. Es ging darum, ihm begreiflich zu machen, dass das Schicksal eines anderen Menschen uns nicht gleichgültig lassen kann, sondern auch schmerzen muss – doch »wenn es wehtut, dann schreit man« und sitzt nicht tatenlos dabei und beobachtet alles wie ein Außenseiter.

ERFAHRUNG


Es gibt eine Geschichte über Rabbiner Schalom Schwadron, die diesen Gedanken noch stärker verdeutlicht. Eines Tages befand sich Rav Schwadron, genau wie an jedem gewöhnlichen Tag, in seinem Wohnzimmer und studierte. Plötzlich wurde er durch ein lautes Geschrei, das durch das geöffnete Fenster von der Straße an sein Ohr drang, unterbrochen. Wenige Augenblicke später stand seine Frau vor ihm und hielt einen blutenden Jungen auf ihren Armen. Der Junge war der Enkelsohn des Gabbais der Synagoge, Meirka. Er sei hingefallen, berichtete die Rebbetzin, und habe sich einen Schnitt an der Augenbraue zugezogen. Deshalb blutete er so stark.

Ohne lange nachzudenken, holte Rav Schwadron ein Handtuch, das er dem Jungen um den Kopf wickelte, nahm ihn auf den Arm und machte sich auf den Weg zum Arzt, der einige Straßen weiter wohnte. Als er mit dem Jungen aus der Haustür rannte, sah er etwas weiter entfernt die Frau des Gabbais, die Großmutter von dem Jungen. Sie war eine sehr g’ttesfürchtige Frau, und als sie den Rabbiner mit dem blutenden Jungen sah, rief sie ihm zu: »Keine Sorge, Rabbiner, G’tt wird helfen, G’tt wird helfen.«

SCHREIEN 


Der Rabbiner war etwas verwundert darüber, wie ruhig und gelassen sie auf den Unfall reagierte. Doch je näher er ihr kam, umso mehr veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Plötzlich fing sie laut an zu schreien: »Meirka, mein Meirka, Gewalt, was ist passiert?«. Am Anfang dachte sie nämlich, dass der blutende Junge auf dem Arm des Rabbiners dessen Enkelsohn gewesen sei. Deshalb hatte sie so ruhig reagiert und nur geraten, er solle sich auf G’tt verlassen. Doch als sie bemerkte, dass es sich um ihr Enkelkind handelte, fing sie laut an zu schreien.

Rabbiner Schwadron zog aus dieser Geschichte eine Lehre, die für uns alle auch heute noch aktuell ist. Er sagte: »Solange es nicht mein Meirka ist, ist es sehr leicht zu sagen, dass man sich keine Sorgen machen soll, dass alles gut wird, und dass der Allmächtige helfen wird. Doch sobald es zu meinem Meirka wird, wird es zu einer ganz anderen Geschichte. Ruhe und Objektivität verschwinden, man fängt an zu schreien, es wird zu meinem persönlichen Schmerz.«

LEHRE 


Aus dem Bericht von Rabbiner Schalom Schwadron wird deutlich, dass wir niemals den Schmerz und das Leid von anderen unterschätzen oder ignorieren dürfen, sondern ihn wie unseren eigenen Schmerz empfinden sollen. Dieses gilt sowohl auf einer persönlichen und individuellen Ebene, aber auch bezogen auf eine Bevölkerung, eine Gruppe oder ein Volk oder in Bezug auf einen Staat. Sobald wir sehen, dass jemandem »Weh« getan wird, ihm Unrecht zugefügt oder Schmerzen bereitet werden, müssen wir schreien.

Wir müssen verstehen, dass alle Menschen wie eine große Fußballmannschaft sind. Wir sind auf einander angewiesen. Und wenn bei einer Elf die Abwehr nicht funktioniert, wird auch der Sturm verlieren, genauso wie die Siegchancen der Abwehr gering sind, wenn die Stürmer keine Tore schießen. Deswegen müssen sich in einer Mannschaft alle Spieler gegenseitig stärken und unterstützen. Nur so ist die Meisterschaft zu gewinnen. Wir sind alle füreinander verantwortlich und müssen uns gegenseitig helfen.

Mögen wir diesen Gedanken in die Tat umsetzen!

Der Autor ist Rabbiner in Freiburg und Mitglied
der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland.





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