13 Siwan 5779 / Sonntag, 16. Juni 2019 | Thora-Parascha: Schelach Lecha
 
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Einer für alle – Die Tora lehrt, dass die Menschen in einer Gesellschaft füreinander Verantwortung tragen.

 



Einer für alle – Die Tora lehrt, dass die Menschen in einer Gesellschaft füreinander Verantwortung tragen.

 

Kollektive Verantwortung kann schwere moralische Folgen nach sich ziehen. Manchmal scheint sie gerecht zu sein und manchmal nicht. Lebt der Mensch für sich, oder ist er Teil eines größeren Ganzen?

 

Wir kennen heute viele Bewegungen, die versuchen, die Welt zu verbessern, jede nach ihrem Verständnis: Friedensaktivisten, Tierschützer, Kinderrechtsorganisationen und viele andere. Manche tun es nur in ihrer Stadt, andere versuchen es im ganzen Land oder international. Niemand verspricht, alle Probleme zu lösen. Jeder arbeitet in seinem Bereich – und manchmal entstehen gerade dadurch Probleme in anderen Bereichen.

 

Ist es gerecht, jemanden zu bestrafen, nur weil er Teil einer Gruppe ist? Und ist es gerecht, alle zu bestrafen, nur weil sich unter ihnen einer befindet, der sich nicht richtig verhalten hat? Umso fragwürdiger ist es, wenn ein ganzes Volk wegen der Taten einer kleinen Gruppe bestraft werden soll.

 

Viele von uns sind es gewohnt, alleine und für sich zu leben: Homeoffice, Onlinebanking, online einkaufen … – alles kann von zu Hause aus gemacht werden. Man muss keine anderen Menschen mehr treffen – doch umso weniger fühlt man sich mit anderen und ihrem Schicksal verbunden.

 

 

STRAFE

 

In der Tora erheben Mosche und Aharon gegen G’tt Vorwürfe wegen der kollektiven Verantwortung. Nachdem Korach und seine Unterstützer Mosche angegriffen hatten, verhängte G’tt Seine Strafe. Da sagten die beiden: »Ein einzelner Mann sündigt, und Du willst über die ganze Gemeinde zürnen?« (4. Buch Mose 16,22).

Was wäre eine gerechte Antwort? Gibt es da Differenzierungen?

Solange das Volk Israel durch die Wüste zog, war alles klar. Man lebte auf engstem Raum zusammen, man kannte einander. Wenn es jemandem schlecht ging, kümmerten sich andere um ihn.

 

Doch wie würde es wohl in dem Land sein, das G’tt den Israeliten geben wird? Die Menschen werden dort weit voneinander entfernt siedeln. Da wird man nicht sofort erkennen können, was sich in anderen Städten entwickelt. Der Wind von draußen kann hereinwehen und einen schlechten Einfluss ausüben. Ist man für das verantwortlich, was weit entfernt passiert und entsteht?

 

Andererseits: Gerade durch den Einzug ins verheißene Land beginnt eine neue Phase des gemeinschaftlichen Kontakts. Jeder hat die Chance, sich neu zu entwickeln, Geschäfte abzuschließen und dafür auch neue Partnerschaften einzugehen. Es wird neuer Arten der Erziehung bedürfen, da man nicht mehr so eng beieinander lebt. Und man wird darüber nachdenken müssen, wie man künftig interne Gruppen, die sich zum Schlechten entwickeln, beobachtet und auf sie reagiert.

 

Am gefährlichsten sind Geheim- und Untergrundorganisationen. Doch auch die Gruppen, die nicht im Versteck, sondern in der Öffentlichkeit agieren, können uns überfordern – aber wir wissen zumindest, mit wem wir es zu tun haben.

 

Eine geheime Gruppe hat andere Methoden, und man braucht lange, um sich über ihre Ideen und die beteiligten Personen einen Überblick zu verschaffen.

 

 

HERAUSFORDERUNG

 

»Verborgene Dinge sind dem Ewigen, unserem G’tt, vorbehalten. Was aber offenbar wird, geht uns und unsere Kinder an für alle Zeit: dass wir nämlich tun sollen alle Worte dieser Weisung« (5. Buch Mose 29,28).

 

»Verborgene Dinge sind unserem G’tt vorbehalten.« Der Ewige hat uns mit diesem Versprechen von einer schwierigen, beinahe unmöglichen Herausforderung erlöst. Ich kann mir nicht zu 100 Prozent sicher sein, ob mir der Mensch, der mir gegenübersteht, die Wahrheit sagt und nicht etwas anderes im Kopf oder im Herzen hat.

 

Menschen, die öffentlich etwas Schlimmes tun, sollten auf jeden Fall von uns beeinflusst werden. Wir müssen alles tun, damit sich Schlechtes nicht ausbreitet.

 

»Alle Juden bürgen füreinander.« Das heißt: Ich trage Verantwortung für dich und du für mich. Falls mir etwas Schlimmes passiert oder ich mich von etwas Schlechtem angezogen fühle und du davon weißt, so sollst du mir helfen, aus dieser Situation herauszukommen. Zumindest musst du mich warnen, dass ich etwas falsch mache.

 

Auch Menschen, die im Versteck leben und handeln, stehen in unserer Verantwortung. Für ihr Tun können wir allerdings nicht bestraft werden, denn unsere gemeinschaftliche Verantwortung ist begrenzt.

 

»Was aber offenbar wird, geht uns und unsere Kinder an für alle Zeit: dass wir nämlich tun sollen alle Worte dieser Weisung.« Das heißt: Wir tragen Verantwortung für unsere Nachkommen. Wir lehren sie und helfen ihnen, das Richtige zu finden und ihm zu folgen. Genauso bringen wir ihnen bei, Gefahren zu meiden, sowohl körperliche als auch geistige.

Gemeinschaftliche Verantwortung ist der Schlüssel zu unserer gemeinsamen Existenz.

 

 

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD). Dieser Artikel erschien in der Jüdischen Allgemeinen.





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