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Warum wir an Starkregen und Feuersbrünsten selbst schuld sind – und was wir dagegen unternehmen können ...

 



Warum wir an Starkregen und Feuersbrünsten selbst schuld sind – und was wir dagegen unternehmen können

 

Klimawandel und -extreme: Für die jüdische Ethik hat die Bewahrung der Schöpfung Vorrang, der Mensch jedoch handelt dem zuwider.

 

Der 2. August war in diesem Jahr der sogenannte »Earth Overshoot Day« (sinngemäß übersetzt etwa: »Weltüberlastungstag«). Seit 1987 möchte die Organisation »Global Footprint Network« mit dieser Kampagne jenen Tag im Jahr markieren, an dem nach ihren Berechnungen der Verbrauch natürlicher Ressourcen für den menschlichen Konsum die Kapazität der Erde zur Reproduktion dieser Ressourcen übersteigt.

 

Ab diesem Tag werde dann praktisch in puncto Ressourcenverbrauch »auf Pump« gelebt. Die Aktivisten wollen damit auf den Raubbau an der Erde und den unverantwortlichen Umgang mit Rohstoffen aufmerksam machen. In jedem Jahr wird dieser Tag ein bisschen vorverlegt – 1995 war es noch der 21. November.

 

 

ETHIK

 

Die Berechnungen des »Global Footprint Network« sind umstritten – wenngleich das Anliegen, an Naturausbeutung und Ressourcenverschwendung zu erinnern, angesichts von Klimawandel und ökologischen Katastrophen ein ehrenwertes ist. Wie verhält sich die jüdische Ethik zu diesem Anliegen? Steht sie auf der Seite derer, die die Natur schützen wollen, oder derer, die sie ausbeuten?

 

In den späten 70er-Jahren wollten umweltpolitisch und feministisch engagierte christliche Theologinnen das Judentum und speziell die Hebräische Bibel für Naturunterwerfung und Umweltzerstörung haftbar machen und entdeckten dabei (wieder einmal!) ihre Liebe zum angeblich so naturfreundlichen Heidentum. Beweisgrund dafür war das erste Buch Mose, wo es in Vers 28 – in deutscher Übersetzung – heißt: »Seid fruchtbar und mehret euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan.«

 

Indes: Der Verdacht beruhte auf einer falschen Übersetzung. Präzise übersetzt muss es nämlich heißen: »... und erobert sie«. Erobern im Sinne der Inbesitznahme eines Geländes, denn: Menschen können gar nicht anders, als die Erde zu bevölkern. Bei alledem will der Anschein nicht weichen, als sei das biblische Denken anthropozentrisch und sich seiner natürlichen Grundlagen nicht bewusst.

 

 

SCHÖPFUNG

 

So wird in talmudischen Debatten wiederholt behauptet, dass Gott alles, sogar den je einzelnen Menschen, zu seinem Ruhm geschaffen hat. Dann aber gehört der von Gott geschaffene Mensch der Schöpfung nicht nur an, sondern wird geradezu aus ihr herausgehoben. Das aber gilt gemeinhin als Ausdruck einer einzig allein auf den Menschen bezogenen, den Rest der Schöpfung vernachlässigenden Ethik.

 

Im Traktat Sanhedrin 37a erklärt die Mischna: »Jedem, der eine israelitische Seele rettet, wird es so angerechnet, als ob er die ganze Schöpfung gerettet habe.« Auch die spätantiken Avot de Rabbi Natan beglaubigen dieses Prinzip – erklärt doch dort ein Rabbi Nehemia: »Ein Mensch gleicht in seinem Wert dem ganzen Werk der Schöpfung.«

 

Das wird bisweilen so interpretiert, als ginge es im Sinne einer utilitaristischen Ethik um eine Güterabwägung. Freilich: Man kann diese Passage auch anders deuten. Nämlich im Sinne einer Ethik der Entsprechung, der Korrespondenz und der Kooperation: Gerade weil der Wert eines Menschen – der immerhin das Ebenbild Gottes ist – ebenso wertvoll wie die ganze Schöpfung ist, die demnach auch den Wert eines Ebenbildes Gottes hat. Psalm 24,1 beglaubigt jedenfalls: »Dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt.«

 

All dies nahm schon im alten Israel, vor 3000 Jahren, nicht nur ethische, sondern konkrete politische, rechtliche Formen an. Ja, die Menschheit soll demnach die Erde bevölkern und – was die pseudoökologischen Kritikerinnen damals übersahen – sie gemäß göttlicher Weisung respekt- und schonungsvoll behandeln.

 

 

BEWIRTSCHAFTUNG

 

Das galt zumal für die Kinder Israels, denen für den Besitz und die Bewirtschaftung von Land gemäß dem zweiten Buch Mose 23, 10–11 Folgendes aufgegeben war: »Sechs Jahre kannst du in deinem Land säen und die Ernte einbringen; im siebten sollst du es brachliegen lassen und nicht bestellen. Die Armen in deinem Volk sollen davon essen, den Rest mögen die Tiere des Feldes fressen. Das Gleiche sollst du mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen tun.« Agrarökologen fordern dies heute anlässlich von Ernteeinbußen durch Schädlingsbefall in ähnlicher Weise wieder.

 

Der talmudische Traktat Shabbat 10a rechnet es zudem gerechten Richtern so an, als seien sie am Schöpfungswerk beteiligt. Die Summe jüdischer Umweltethik aber findet sich in dem Midrasch Kohelet Rabbah, einem spätantiken Kommentar zu Prediger 7,13, in dem es heißt: »Als Gott die ersten Menschen schuf, führte er sie durch den Garten Eden und sprach zu ihnen: ›Seht Meine Werke. Seht, wie schön und wunderbar sie sind. Für euch habe Ich sie alle geschaffen. Achtet darauf, dass ihr Meine Welt weder verderbt noch zerstört, denn: Wenn ihr das tut, wird niemand mehr da sein, um sie wiederherzustellen.«

 

 

VERANTWORTUNG

 

Am Beispiel der prophetischen Verheißungen sowie der biblischen Regeln des Sabbatjahres sowie ihrer rabbinischen Weiterentwicklung und -deutung wird ersichtlich, worum es bei einer jüdischen Ethik der Schöpfung und damit der natürlichen Umwelt der Menschen geht: um eine Verantwortungspartnerschaft zwischen Gott und den Menschen, um die den Menschen aufgegebene Verantwortung, im Dank für seine Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten auf dieser Erde ihr Gedeihen achtsam zu bewahren.

 

Für die Propheten Israels gar war jedenfalls keine andere messianische Zeit, keine andere Erlösung denkbar als eine, die nicht nur Frieden zwischen den Menschen, sondern auch einen allumfassenden Frieden zwischen Mensch und Natur sowie auch innerhalb der Natur stiftet – so in Jesaja 65,25: »Wolf und Lamm werden einträchtig weiden, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind ...«

 

 

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und Publizist. Dieser Artikel erschien in der Jüdischen Allgemeinen.





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