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Von wegen ahnungslos – Jizchak wusste ganz genau, dass er Jakow segnete und nicht Esaw.

 



Von wegen ahnungslos – Jizchak wusste ganz genau, dass er Jakow segnete und nicht Esaw.

 

Endlich haben Awraham und Sara ihren Sohn bekommen, wie es ihnen in Paraschat Wajera versprochen wurde. Jizchak wächst heran, wird ein Mann und heiratet. Nachdem Riwka, seine Frau, eine Zeit lang unfruchtbar war – übrigens ganz ähnlich wie bei Sara –, wurde sie mit Zwillingen schwanger: Jakow und Esaw.

 

Die Schwangerschaft war schwierig, lesen wir in unserer Parascha: »Da bewegten sich die Kinder heftig gegeneinander in ihrem Schoß. Und sie sprach, wenn ihr so geschah: ›Warum geschieht mir so?‹ Da ging sie hin, um G’tt zu fragen. Und G’tt ließ ihr sagen: ›Zwei Völker sind in deinem Schoß und zwei Staaten. Von deinem Inneren an werden sie sich scheiden. Ein Staat wird mächtiger werden als der andere, und der mächtigere dem geringeren dienen‹« (1. Buch Mose 25, 22–23).

 

 

PROPHEZEIUNG

 

Die Konkurrenz zwischen den beiden Brüdern wird tatsächlich lange anhalten. Und die Prophezeiung, dass der »mächtigere dem geringeren« Bruder dienen wird, wird sich bewahrheiten, und zwar auf keine nette Art und Weise: Jakow, der Jüngere von beiden, trickst seinen älteren Bruder Esaw zweimal aus.

 

Das erste Mal erschleicht er sich von ihm das Recht des Erstgeborenen. Esaw kommt nach einem Tag harter Arbeit auf den Feldern nach Hause und ist sehr hungrig. Er fragt nach den roten Linsen, die Jakow gekocht hat, und Jakow gibt sie ihm im Tausch gegen sein Geburtsrecht.

 

Das Erstgeburtsrecht des ältesten Sohnes ist ein wichtiger Status. Er ist zwar offensichtlich nicht immer in Stein gemeißelt, denn tatsächlich gibt es Beispiele, in denen es anders gehandhabt wurde (zum Beispiel bei Ephraim und Menasche im

1. Buch Mose 48, 13–20). Aber grundsätzlich bleibt dieses Recht bei den Erstgeborenen, die dadurch bestimmte Privilegien haben (vgl. 1. Buch Mose 43,33 und 2. Buch Mose 4,22).

 

Auch heute noch gibt es für den Erstgeborenen den Ritus des Pidjon Ha-Ben, der Auslösung des Sohnes, bei dem der kleine Junge im Alter von 30 Tagen vom Vater symbolisch von der priesterlichen Verpflichtung ausgelöst wird (vgl. 2. Buch Mose 13,12 und 34,20 sowie 4. Buch Mose 18,15).

 

 

ERBE

 

Das zweite Mal trickst Jakow seinen Vater aus und raubt damit Esaw den Segen des Vaters und somit auch das Erbe. Als Jizchak alt wird und merkt, dass er bald stirbt, möchte er seinem Lieblingssohn Esaw einen Segen geben. Riwka, die die Unterhaltung hört, weist ihren Liebling Jakow an, sich als Esaw auszugeben und den Segen an seiner statt zu bekommen.

 

Die Geschichte liest sich ein bisschen wie eine Komödie. Jakow bringt seinem Vater Ziegenfleisch zu essen, anstelle des Wildbrets, um das er Esaw gebeten hatte. Um sich zu tarnen, verstellt Jakow nicht nur seine Stimme, sondern legt auch Ziegenhaar auf seine Hände, damit sie behaart sind so wie Esaws Hände. Schließlich bekommt Jakow den Segen.

 

Als dann Esaw von der Jagd nach Hause kommt, um Jizchak das versprochene Essen zu bringen und den Segen zu bekommen, bleibt dem nichts anderes übrig, als seine Bitte abzulehnen, weil er bereits Jakow gesegnet hat. Durch den Trick ist es nun zu spät, und der vergebene Segen kann nicht rückgängig gemacht werden. Esaw ist sehr wütend und will Jakow töten – wenn auch nicht sofort, so doch nach dem Tod des Vaters. Riwka bittet daher ihren Mann Jizchak, Jakow zu ihrem Bruder Lavan zu schicken, unter dem Vorwand, eine Frau für ihn zu finden. In Wirklichkeit ging es ihr vor allem darum, sein Leben zu retten.

 

Jizchak stimmt zu und gibt Jakow einen weiteren Segen: »Und G’tt, der Allgenügende, wird dich segnen und dich fruchtbar machen und dich vermehren, dass du zu einer Versammlung von Völkern wirst. Er wird dir den Segen Awrahams geben, dir und deinen Nachkommen bei dir, dass du das Land deiner Fremdlingsschaft erbest, das G’tt Awraham gegeben hat« (1. Buch Mose 28, 3–4).

 

 

WIDERSPRUCH

 

Und genau hier widerspricht sich die Geschichte. Wenn Jakow nicht nur seinen Bruder, sondern angeblich auch seinen Vater ausgetrickst hat, warum ist Jizchak dann nicht wütend, so wie der verständlicherweise äußerst verärgerte Esaw?

 

Das Gegenteil ist der Fall: Jizchak gibt Jakow sogar einen Segen – und nicht nur irgendeinen Segen, sondern er beinhaltet das geistige Erbe des jüdischen Volkes, den Bund Awrahams, der ihm und seinen Nachkommen zuteilwerden soll. Das macht nur Sinn, wenn Jizchak von Anfang an wusste, dass es Jakow war, den er segnete, und nicht Esaw.

 

Auch wenn Esaw sein Lieblingssohn ist, so war er offensichtlich innerlich erleichtert, als Jakow mit seiner schlechten Verkleidung und der schlechten Wildbret-Kopie zu ihm kam. Jizchak wusste, dass der intellektuelle Jakow besser darauf vorbereitet ist, die spirituelle Führung zu übernehmen, als der Jägertyp Esaw.

 

Der Text impliziert diese Schlussfolgerung. Jizchak ist trotzdem traurig, und er segnet auch Esaw. Obwohl es nicht der Segen ist, den sich Esaw erhoffte, ist es doch ein Segen, der wesentlich besser zu seinem Charakter passt: »Siehe, der Erde Fettigkeiten wird dein Wohnsitz sein, und von des Himmels Tau von oben, auf deinem Schwerte wirst du leben« (1. Buch Mose 27,40).

 

 

DILEMMA

 

Doch all das befreit Jakow nicht vom moralischen Dilemma, wie er das Geburtsrecht und den Segen bekommen hat. Gänzlich ungestraft bleibt er dafür nicht. Später in der Tora wird der Trickser Jakow selbst ausgetrickst (1. Buch Mose 29, 18–26). Außerdem ist die Rolle, die Jakow von seinem Vater erbt, eine schwere Belastung für ihn, und sein Leben wird alles andere als einfach sein.

 

Daher gibt es zwei wichtige Wahrheiten, die wir aus dieser Geschichte lernen können. Erstens: Wenn wir jemanden betrügen, können wir sicher sein, dass dieser Betrug wieder auf uns zurückfällt. Und zweitens: Auch wenn wir manchmal für eine bestimmte Position besser als jemand anderes qualifiziert sind und Führungspositionen ganz allgemein verlockend sind, dürfen wir bei alledem nicht vergessen, dass solche Positionen nicht nur mit Ehre und Ruhm verbunden sind. Sie bringen in der Regel auch große Verantwortung, harte Arbeit und wirkliche Opferbereitschaft mit sich.

 

 

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Darmstadt und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD). Dieser Artikel erschien in der Jüdischen Allgemeinen.





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